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Geburtskultur Deutschland vs. Niederlande

Aktualisiert: Juni 5

Andere Länder, andere Sitten

Ich habe 2 Söhne. Der älteste wurde zuhause geboren, in den Niederlanden, und unser Baby (er ist schon 1 Jahr, aber der jüngste bleibt halt länger das Baby) wurde im Geburtshaus (mainGeburtshaus, Würzburg) geboren. Beide Geburten waren sehr schöne Erlebnisse. Und ich habe beim zweiten mal nicht gegen die Hausgeburt entschieden weil beim ersten mal was schiefgelaufen ist oder so. Sondern weil wir in der Zwischenzeit nach Deutschland umgezogen sind, also neue Wohnung, dritter Stock, mit Nachbarn. Ich war mir nicht sicher ob ich mich so 100% auf den Prozess einlassen könnte mit mehrere Parteien im Haus die bei meinem Geburtskonzert mit genießen würden. Außerdem wurde ir schon schnell klar das die Deutsche Geburtskultur eine ganz andere ist, als wie ich es aus den Niederlanden gewohnt war, und eine Hausgeburt hier zu Lande nicht was Selbstverständliches ist. Also entschieden wir uns für das Geburtshaus. Und beide Geburten waren toll! Komplikationsfrei, ohne Interventionen, beide Hebammen waren super kompetent und, vor allem, Fast unsichtbar. Sie haben mich in Ruhe gelassen, und ich machte mein Ding; gebären. In meinem Tempo in meinem Rhythmus, und ich fand es Wunderbar von so tollen Frauen begleitet zu werden die so viel Vertrauen in mich und meinem Körper hatten, vertrauen in dem Geburtsprozess.




Nun lese ich gerade ein Buch von Nora Imlau (Das Geburtsbuch – sehr empfehlenswert!) das die beiden Geburten, so wie ich sie erlebt habe, etwas Seltenes sind. Und zwar weil Interventionsfreie Geburten nur noch etwa 5% aller Geburten, in Deutschland, beschreiben! Nur 5% von unseren neuen Erdenbürger kommt zur Welt weil Mutter und Kind zusammenarbeiten, ohne das nachgeholfen werden muss. Mir scheint das eine erschreckend niedrige Zahl. Was würde mit den anderen 95% passieren wenn der Arzt nicht da gewesen wäre, wenn keine Wehentropf gelegt wurde, wenn keine Zange, Saugglocke oder OP-team bereit gewesen wären? Kann es wirklich so sein das das Säugetier Mensch, dér Apex Predator, ein Säugetier das so erfolgreich alle Kontinente besiedelt hat, sogar gemeinsam das Klima verändert hatt, so viel Hilfe braucht bei so was primitives als gebären? Ich kann das nicht glauben.


Ich glaube, die größte Mehrheit von den 95% wäre auch Gesund zur Welt gekommen. Nicht alle, und deswegen ist es gut das wir Kompetente Kliniken haben, mit Kinderkliniken, das es Möglichkeiten gibt um Wohlsein von Mutter und Kind zu überwachen, während der Geburt, und das es Interventionen gibt die Mutter únd Kind retten können, sollten die nötig sein. Aber ist es wirklich bei 95% aller Geburten nötig? Das kann doch nicht sein? Und vor allem, was machen diese, aus Vorsicht entstandene, Interventionen mit Mutter und Kind, wie erleben sie die Geburt? Und welche Folgen gibt es über die Geburt hinaus?

Niederländische Geburtskultur als immaterielles Kulturerbe anerkannt

Ich hab mich deshalb sehr gefreut als ich letzten Monat erfahren habe das die Niederländische Geburtskultur als immaterielles Kulturerbe (UNESCO) anerkannt wurde. Was die Niederländische Geburtskultur so anders macht als die von z.B. Deutschland, oder andere Westlichen Länder, ist vor allem die hohe Quote an Hausgeburten. In 2019 wurden13% zuhause geboren, in 2000 noch 25%. Und ich glaube in den 80ern war das Verhältnis Hausgeburt/Klinik noch 50/50. Grund für diese Abnahme sei hauptsächlich der Wunsch zugriff auf Schmerzmitteln zu haben (volksgezondheidenzorg.nl). Eine ausgeklügelte Zusammenarbeit zwischen Hebammen und `Kraamzorg` (das ist eine Art Wochenbettpflege) macht das eine Hausgeburt eine sichere Angelegenheit ist in den Niederlanden. Noch kurz etwas zur Wochenbettpflege; jede Familie bekommt diese Unterstützung in den Niederlanden, eine Woche lang, jeden Tag ein paar Stunden, bis zu 8 Stunden am Tag, kommt die `Kraamzorg` und kümmert sich um Mutter und Kind, hilft im Haushalt, kocht Kaffee für die Schwiegers und Nachbarn die das Baby bestaunen, sodass die Frischbacken Familie mehr zeit hat nackig im Bett zu kuscheln. Ihre wichtigsten Aufgaben sind es nach der Gesundheid von Mutter und Kind zu schauen und Hilfe zu bieten damit das Stillen klappt. Kraamzorg und Hebamme arbeiten dabei eng zusammen. Das heißt auch das ambulante Geburten eher die Norm sind, da es eine sehr gute Nachsorge daheim gibt. Ich will jetzt nicht behaupten das Hausgeburten etwas besseres sind, aber 2 Vorteile gibt es schon (die Nachteile können wir uns alle vorstellen).

Hausgeburt vs Klinikgeburt

Erstens, wenn eine Frau sich nicht wohl fühlt wird sie auch Probleme haben sich richtig den Geburtsprozess hingeben zu können. Für manche ist es klar; ´Daheim, fühle ich mich am wohlsten´, dann ist einfach wunderbar die Option zu haben zuhause zu gebären. Für viele ist eine Klinik doch oft ein Ort, der bewusst oder unbewusst, verbunden wird mit Krankheit oder Unfälle. Aus diesen Grund ist es auch ein so weitverbreitetes Phänomen das die Geburtswellen erst mal aussetzen nach Ankunft in der Klinik, als müsste der Körper sich noch überzeugen von was der Kopf schon längst weis: ´Ich bin hier an einen sicheren Ort´.

Und zweitens, gibt es bei einer Hausgeburt schlichtweg weniger Möglichkeiten ein zu greifen, also wird das auch nicht so schnell, vorsichtshalber, passieren. Für Eingriffe wie ein Wehentropf oder PDA muss mann doch echt in einer Klinik sein. Und so wird wahrscheinlich weniger schnell bei einer Hausgeburt entschieden ein zu greifen, und kommt es auch weniger schnell zu einer sogenannten `Interventionskaskade`. Mehr als den Geburtsprozess kontrolieren zu wollen, liegt bei einer Hausgeburt der Fokus auf das Vertrauen.



...und dann gibt es natürlich auch andere Möglichkeiten, wie das Geburtshaus.

Ist das überhaupt sicher?

Nun ist das ganze natürlich nicht unumstritten. Ist es Überhaupt sicher Zuhause zu gebären? Ist man in einer Klinik nicht besser aufgehoben? Für den Fall… Also hab ich mal nachgeschaut was die Statistik sagt über z.B. Totgeburten in den Niederlanden; insgesamt 0,48% aller Geburten in 2019 überlebte die Geburt nicht. Wie vergleicht sich das mit Deutschland? In 2019 waren es in Deutschland 0,41%. Zugegeben, das ist weniger, aber nur ein paar hundertstel. Der Anteil der Keizerschnitt-geburten war dagegen 27,9% (2019, destatis.de) gegen 15% in den Niederlanden, also fast doppelt so hoch. In den Niederlanden wurde nur in 7% aller Geburten mit ´andere Eingriffe´ unterstützt (volksgezondheidenzorg.nl). Dazuhabe ich keine Angaben für Deutschland gefunden, aber wenn Imlau‘s Aussage stimmt, müssten es ja Fast 70% sein.

Als Frau die schon 2 Geburten erleben durfte kann ich bestätigen das eine Geburt ein großes, wesentliches und veränderndes Erlebnis ist. Fast wie ein Biologisches Ritual, eine Trance die dich verändert, deine ganze Welt verändert. Dabei braucht Frau das so wenig wie möglich eingegriffen wird, damit sie sich dem Prozess anvertrauen kann, volle Hingabe. Aber leider wird halt oft `Sicherheitshalber´ doch eingegriffen, aus lauter guten Motiven! Nur was das bedeutet für das Geburtserlebnis, für weitere Geburten (Angst oder eine geringere Chance vaginal zu gebären nach einer Keizerschnitt-geburt) oder für die Bindung zwischen Mutter und Kind, scheint für unwichtig befunden zu werden.


Ich bin da anderer Meinung, ich finde das Mega-wichtig! Ich glaube ein Geburt ist immer ein prägendes Ereignis, sowohl für die Mutter als für das Kind. Deswegen biete ich ja auch den Kurs ´Achtsamkeit in der Schwangerschaft´ und den `Geburtsverarbeitungskurs` (in Zusammenarbeit mit Johanna Wirsing HP) an. Und ich finde es bedauerlich das Frauen oft nicht richtig die Wahl haben wo sie am liebsten gebären würden, oder wer sie dabei begleiten darf (es gibt nämlich noch sehr wenig Hebammen die Hausgeburten begleiten). Dabei kann es so viel ausmachen für ein schönes Geburtserlebnis, für einen sanften Start ins Leben auf Erden. Wie stehst du dazu? Was sind deine Erfahrungen? Teile es mit uns in den Kommentaren.

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